7. Dezember 2017

Digitale Diktatur

Die Digitalisierung der Bildung ist zurzeit das grosse Thema, wenn es um die «Schule von morgen» geht. Im «Beobachter» vom 18. August konnte man lesen, die Zukunft der Schule sei digital, Lernen beginne dort, wo Lehren aufhöre. Vor diesem Hintergrund werden in den einzelnen Kantonen ganze Schulhäuser digital aufgerüstet; Millionen fliessen in die Anschaffung teurer Hard- und Software. Die mächtigen gewinnorientierten Bildungskonzerne drängen in die Schulen, weil sie das grosse Geschäft mit der Digitalisierung wittern. Die öffentliche Bildung droht zu einer privaten Geldquelle zu verkommen. Und dies umso mehr, als die Investition von Millionenbeträgen in die Informatikbildung von den Regierungen ausschliesslich mit wirtschaftlichen Argumenten begründet wird, während pädagogische, psychologische, kindermedizinische und staatspolitische Überlegungen vollkommen fehlen.
Verkommt die Schule zur digitalen Diktatur?, Thurgauer Zeitung, 4.12. von Mario Andreotti


Gegen den Einsatz digitaler Medien in unseren Schulen ist im Grunde nichts einzuwenden. Aber sie dürfen nicht zum Selbstzweck werden, sondern haben als Hilfsmittel vielmehr unterrichtspraktischen und pädagogischen Zielsetzungen zu dienen. Doch hier liegt das Problem. Die Digitalisierung der Bildung wird heute von Bildungsforschern und Politikern ähnlich unreflektiert angepriesen wie seinerzeit die Globalisierung, von der wir nach zwanzig Jahren wissen, welch enorme soziale und kulturelle Schäden sie verursacht hat. Es ist zu befürchten, dass mit der Digitalisierung unserer Schulen Ähnliches passiert.
Die digitalen Medien ermöglichten individuelles Lernen und könnten deshalb optimal auf die eigenen Lernschritte und die Erfolgskurve abgestimmt werden. So die Befürworter der Digitalisierung, die für die Schule radikale Veränderungen fordern. Die Klasse als soziales Ganzes gerät bei dieser völligen Individualisierung des Unterrichts ganz aus dem Blick. Gefördert werden nicht mehr junge Menschen, die rücksichtsvoll miteinander umgehen, die lernen, gegenüber der Gemeinschaft Verantwortung zu tragen, gefördert werden vielmehr Individualisten, die in einer virtuellen Parallelwelt leben und dabei die für das Bestehen ihres wirklichen Lebens notwendigen sozialen Kompetenzen kaum noch entwickeln. Lernen in der Schule geschieht in einer Wechselbeziehung zwischen Lehrern und Schülern. Die Digitalisierung der Bildung weist aber in eine ganz andere Richtung: Die Lehrkräfte wer-den durch Computerprogramme und das Internet ersetzt, werden zu Coachs herabgestuft, die den Schülern bei der Handhabung der Computer bestenfalls noch Hilfestellung leisten dürfen. Das ist billiger und vor allem für die auf Profit ausgerichteten IT-Konzerne einträglicher. Die Frage ist nur, ob sich die künftigen Lehrerinnen und Lehrer mit der Rolle des reinen Lernbegleiters begnügen wollen.

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass vor allem junge Männer den Lehrerberuf zunehmend meiden. Offenbar hat sich das Bild der Lehrerpersönlichkeit bei der jungen Generation stark gewandelt. Die Vorstellung, als Lehrerin oder Lehrer für eine Klasse voll verantwortlich zu sein, wird abgelöst vom Bild des Mannschaftsspielers, der im Team mit andern Lehrkräften die Schüler durch individuelle Lernprogramme hetzt, «damit sie die gewünschten standardisierten Tests bestehen, die anstelle der Lehrpersonen die promotionswirksame Beurteilung übernehmen», wie Jürg Brühlmann vom Lehrer-Dachverband schreibt. Das kommt einer schleichenden Entmündigung der Lehrkräfte gleich. Und das Ergebnis: Der Lehrermangel, der heute schon akut ist, wird sich noch zuspitzen, zumal in den nächsten Jahren die Schülerzahlen in der Schweiz auf Rekordwerte steigen.


Keine Frage: IT-Techniken und ihre Handhabung sollen im Schulunterricht thematisiert werden. Das Problem beginnt dort, wo dies völlig unreflektiert, kritiklos geschieht, wo der digitale Unterricht zu einem industriellen Betrieb verkommt, in dem die Interaktion zwischen Lehrern und Schülern nicht mehr spielt. Halten wir uns eines vor Augen: Wie gut die Schule funktioniert, hängt auch in Zukunft von tüchtigen Lehrerinnen und Lehrern ab – und nicht vom Computer. 

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